Warum war es Ihnen wichtig, diesen Film zu machen? Die Idee dazu gibt es seit sieben Jahren. Ich habe jahrelang Fernsehdokumentationen gedreht und war daher viel in sogenannten "3. Welt-Ländern" unterwegs. Auf den Philippinnen gab es dann bei einem Dreh ein Problem mit Wasser, das sich massiv auf unsere Arbeit ausgewirkt hat. Auf den Reisen hast du ja oft eine Menge Zeit nachzudenken, und dabei auf einem Schiff kam mir die Idee, etwas Substantielles über Wasser zu machen. Wie Menschen anderswo mit etwas umgehen, das wir oft gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Mir persönlich war es zumindest gar nicht so bewusst. Es kommt mir nur nach einer langen Reise ins Bewusstsein, wenn ich zu Hause "das Wasser aufdrehe" und weiß, dass ich es bedenkenlos trinken kann.
Wie leicht oder schwer war es, Menschen dafür zu begeistern, das Projekt zu unterstützen?
Ich hatte davor einen Fernsehfilm gemacht, den "Bergbauernwinter", der ziemlich erfolgreich war, habe dem Produzenten Erich Lackner von meiner neuen Idee erzählt, und er war sofort begeistert. Und wenn er sich mal wo festhängt, lässt er nimmer los da sind wir einander sehr ähnlich, glaube ich. Dann ist Michael Glawogger eingestiegen und hat am Drehbuch mitgearbeitet. Es war ein langer Prozess bis zum ersten Drehtag, die Idee hat aber von Anfang alle begeistert und sich bis zuletzt erhalten. Es hätte ja zunächst nur ein kleiner Film werden sollen, aber Erich wollte ihn sozusagen gleich richtig machen.
Auf die Drehorte sind Sie durch Ihre früheren Reisen gekommen? Ich habe bewusst Länder ausgesucht, in denen ich zuvor noch nicht gewesen bin. Ich wollte unvorbelastet sein. Im Zuge der Recherche fiel uns dann Kasachstan auf der Aralsee. Von dem sind wir ausgegangen, weil seine Geschichte in einem politisch-ökonomischen Film über Wasser erzählt werden muss. Der Rest war schon schwieriger. Bangladesch war die Idee von Michael Glawogger. Er hatte in Indien "Megacities" gedreht und kannte die Wasserprobleme dort. Die dritte Geschichte sollte ursprünglich vom Staudamm am Jangtsekiang handeln. In der Recherche taten wir uns in Kasachstan recht leicht, in China aber war schnell klar, dass ich nicht so würde drehen können, wie ich es wollte. Wir würden entweder verhaftet werden oder mit leeren Händen heimfahren müssen. Auf der langen Suche nach einer Alternative kam mir während der Dreharbeiten für einen Film, den ich für "Ärzte ohne Grenzen" im Sudan drehte, Afrika in den Sinn. Dabei ist in Afrika "Wasser" eines der wichtigsten Themen, und heute wundere ich mich, dass wir da nicht gleich darauf gekommen sind...
Wieso wollten Sie eigentlich keine Geschichte aus der "westlichen Welt" erzählen? Themen würde es ja einige geben das "heilige Wasser" in Lourdes etwa oder der "Wasserüberschuss"in Las Vegas. Aber im Westen handelt es sich um Probleme, die recht einfach lösbar wären, denn die finanziellen Mittel zur Lösung sind vorhanden. Daher habe ich bewusst Länder ausgewählt, in denen unsere Lösungsansätze nicht greifen. Bangladesch z. B. könnte man durchaus mit Holland vergleichen. Wenn man so viel Geld einsetzt wie in Holland, könnte man Dämme bauen und hätte ein wunderbares Land. Aber das Geld dafür ist einfach nicht da! Wir haben sehr darauf geachtet, Länder zu finden, die mit Problemen anders umgehen müssen, als es wohlhabende Länder tun können.
Wir sehen im ersten Teil zuviel Wasser, dann zuwenig Wasser - und in der dritten Geschichte wird eine neue Ebene eingezogen, Wasser als Geschäft.
Es geht im dritten Teil um die Macht in Nairobi ist Wasser plötzlich ein Machtfaktor. Die Grundfrage, die als Überbau zu diesem Film gelten kann, lautet: "Ist Wasser ein Menschenrecht oder ein Wirtschaftsgut?" Die Frage wird in der Zukunft beantwortet werden. Es gibt Konzerne, die es als Wirtschaftsgut behandeln, und NGOs, die Wasser als Menschenrecht propagieren. Diese grundsätzliche Frage wird in den nächsten 10 Jahren beantwortet werden.
Als ZuseherIn ist man überrascht, wie Häuser ganze schnell und einfach per Boot auf die Reise gehen können...
In Bangladesch haben die Menschen gelernt, sich mit der Natur zu arrangieren. Die Wellblechhäuser, die ganz schnell auf- und wieder abgebaut werden, sind da ein gutes Beispiel und ein überraschendes Bild, das wir so nicht kennen. Ich wollte nicht nach Bangladesch reisen und - die bekannten Bilder von Überschwemmungen im Auge habend - Geschichten finden, die wir so erwartet hatten, also z.B. Menschen im Wasser, die jammern. Ich war dann trotzdem überrascht, dass plötzlich die Überschwemmung nicht mehr das Thema war, sondern die Erosion. Mich hat die Möglichkeit fasziniert, die Menschen ihre Geschichte selbst erzählen zu lassen.
Deswegen geben Sie auch nichts vor. Kein Off-Text.
Ja, das war ganz bewusst und wichtig. Ich sehe den Film nicht als abgeschlossene Arbeit, sondern als Kick-Off. Und ich hoffe, dass sich jetzt noch einiges bewegt. Es wird eine Homepage geben, und wer aus dem Kino kommt und mehr wissen möchte, kann auf die Homepage gehen, sich mit NGOs und Projekten verlinken, bei denen die Zuschauerinnen und Zuschauer aktiv weiter machen können. Dabei soll eine Plattform entstehen, auf der Infos zum Thema zu bekommen sind. "Über Wasser" selbst soll neugierig machen und Gefühle hinterlassen, danach ist das Internet das bessere Medium. Ab da geht der Film in eine andere Ebene über.
Das heißt, die Arbeit am Film ist für Sie noch nicht zu Ende? Doch, das Kind gebe ich jetzt ab. Mit dem Film weiter zu arbeiten, haben nun andere übernommen, die in Schulen gehen etc. Die können das auch besser als ich und entwickeln das Projekt weiter, was sehr wichtig ist.
Zur Arbeit selbst: Wie waren die Drehbedingungen? In Kasachstan haben wir noch mit einem großen Team gedreht. Das hat auch toll funktioniert, ich habe da mit sehr guten Leuten zusammen gearbeitet. In Bangladesch ging diese Arbeitsweise aber nicht mehr auf.
Um das an einem Beispiel zu veranschaulichen: Wir sind an einem Reisfeld vorbeigefahren. Die Gelegenheit war günstig, also haben wir den Dreh vorbereitet. Als die Vorarbeiten abgeschlossen waren, befanden sich plötzlich 250 neugierige Menschen vor diesem Reisfeld. Drehen war jetzt unmöglich. Ich hätte den Drehort nur noch mit Hilfe der Polizei räumen können, damit ich dann wieder 30 Leute dort reinsetze, die ja ursprünglich da gewesen waren und genau das gemacht hatten, was ich drehen wollte. Ich konnte und wollte so nicht arbeiten. Daraufhin haben wir das Team auf das Minimum verkleinert. Ich habe selbst die Kamera gemacht, und mit dem Tonmann und einem Regieassistenten haben wir schlussendlich zu dritt gedreht, und es hat toll funktioniert. Vor allem hatten wir so viel mehr Zeit. Wir konnten die Leute kennen lernen und ihnen etwas geben, was sie von Weißen sonst nie bekommen, nämlich Zeit. In den Slums z. B. haben wir die ersten Wochen überhaupt nichts gedreht, sondern uns nur zu den Leuten gesetzt. Da war es ganz wichtig, dass der Produzent dahinter stand und sagte: "Mit einem kleineren Team kannst du dir auch mehr Zeit lassen." So konnten wir in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Ich glaube, dass man das in allen drei Teilen ein wenig spürt, dass die Leute offen sind. Es ist ja nicht selbstverständlich, in Bangladesch eine Moslemin vor der Kamera zu haben, die noch dazu die Männer offen kritisiert. Dass sie uns dieses Vertrauen geschenkt hat, hat sicher damit zu tun, dass wir genug Zeit hatten, um uns kennen zu lernen.
Quelle: POOL Filmverleih |