
Lesen ist schön. Doch Bücher sind aus Papier. Und Papier ist meist aus Holz. Unsere Sucht nach Buchstaben bedroht weltweit die spärlichen Urwaldreste. Eine Initiative, die in Kanada begann, beweist: Das muss nicht so sein.
Harry Potter ist zurück. Und so viel steht fest: Der lang ersehnte fünfte Band ist ein gewichtiges Buch. Nicht nur auf den Inhalt bezogen. Bei einem Umfang von fast 800 Seiten und annähernd einem Kilo Gewicht erwirbt der Käufer mit der englischen Ausgabe eine Menge Papier.
Das bedeutet, dass für die Potter-Bände wie für die vielen Millionen anderen Bücher, die alljährlich erscheinen, Bäume geschlagen werden müssen. Und das passiert oft nicht eben zimperlich, nach wie vor machen viele Holzunternehmen auch vor den bedrohten Urwäldern nicht halt. Ob im Amazonas, in Südostasien oder in Sibirien, die Bestände an naturbelassenen Urwäldern nehmen ab. Weltweit existieren nur noch 20 Prozent der ursprünglichen Fläche.
Weil die Hälfte der Einschläge in Kanadas Urwäldern bereits der Produktion von Papier dient, hat Greenpeace Kanada eine Initiative gestartet. Autoren und Verleger sollen dafür sorgen, dass ihre Bücher garantiert aus Recyclingpapier oder aus FSC-zertifiziertem und damit urwaldfreiem Holz hergestellt werden. Viele brauchen nicht lange überredet zu werden, etwa die auch hierzulande bekannte Autorin Margaret Atwood: "Nie würden wir Papier kaufen, das aus toten Bären, Ottern, Lachs oder Vögeln gemacht wird; oder aus zerstörten indigenen Kulturen, ausgerotteten Arten und vernichtetem Leben, aus Urwäldern, verwandelt in Baumstümpfe und Schlamm. Aber genau das tun wir, wenn wir Papier kaufen, das von der Rodung uralter Bäume stammt."
Die Autoren, die bei der Initiative mitmachen, fordern von ihren Verlegern, auf urwaldfreundlichem Papier zu drucken, werben bei ihren Kollegen um Unterstützung für das Projekt und treten als Botschafter dafür in der Öffentlichkeit auf. Die Verlage verpflichten sich zu einer Erneuerung ihrer Firmenpolitik, die den Einsatz von Recyclingpapier in ihre Produktion einschließt.
Mittlerweile läuft die Kampagne auch in den USA, Italien, Großbritannien, den Niederlanden, Deutschland und Österreich. Viele Autoren und Autorinnen sind inzwischen an Bord der literarischen Arche Noah, darunter Größen wie Stephen King, Michael Ondaatje oder eben die erfolgreichste Autorin der Gegenwart, J. K. Rowling. Manche sind für ihr Engagement bekannt, etwa Arundhati Roy oder Naomi Klein, andere nützen die angebotene Gelegenheit erstmals, in ihrem Rahmen Gutes zu tun.
In Österreich haben Autoren wie Robert Schindel, Renate Welsh, Marlene Streeruwitz, Alfred Komarek, Robert Menasse und Rotraud Perner haben bereits ihre Unterstützung zugesagt.
Und wer, wenn nicht die Schriftsteller, wäre empfänglich für die Bewahrung der Natur und unser aller Lebensgrundlage? Dazu die kanadische Dichterin Lorna Crozier: "Nichts, was ich je geschrieben habe, ist vergleichbar mit dem Wert auch nur eines einzelnen Zweiges eines uralten Baumes. Poesie lebt nur, wenn sie das Leben respektiert. Seine Seele stirbt, wenn die Handlungen des Autors oder Verlegers zur Zerstörung irgendeiner Tier- oder Pflanzenart auf diesem verwundeten Planeten beitragen."
Auch J. K. Rowling, deren kanadische Auflage von "Harry Potter and the Order of the Phoenix" auf urwaldfreundlichem Papier erscheint, sieht durchaus Zusammenhänge zwischen der realen und der literarischen Welt: "Der Wald von Hogwarts ist Heimat für magische Gestalten wie Einhörner und Zentauren. Indem die kanadischen Ausgaben auf urwaldfreundlichem Papier gedruckt werden, helfen die Harry-Potter-Bücher, den wunderbaren Wald der Muggel-Welt zu retten: einen Wald, der für magische Tiere wie Orang-Utans, Wölfe und Bären das Zuhause bedeutet." Und schmunzelnd fügt sie hinzu: "Es ist gut, Respekt vor uralten Bäumen zu haben, vor allem wenn sie ein Temperament besitzen wie die Peitschende Weide."
Tatsächlich können sich in der "normalen" Welt die wenigsten Bäume selbst helfen wie das energische Exemplar im Garten der Zauberschule von Hogwarts. Sie brauchen dringend Hilfe vor den Konzernen, die die steigende Papiernachfrage auf dem westlichen Markt mit Holz aus nordischen Urwäldern decken.
Da kommt solch ein Projekt gerade recht, denn jede Tonne Frischfaserpapier, die durch Recyclingpapier ersetzt wird, spart rund zwei Tonnen Holz. Allein der eine Potter-Band, auf wiederverwertetem Papier gedruckt, rettet 29.640 Bäume (oder 1,4 mal den New Yorker Central Park), spart 47.007.044 Liter Wasser (31 Schwimmbecken in Olympia-Ausmaßen), 633.557 Kilogramm Abfall (etwa 155 Elefantenkühe) und 1.215.443 Kilogramm Treibhausgase. Neben den ökologischen Vorteilen ist Recylingpapier aber auch wirtschaftlich betrachtet eine sinnvolle Alternative. Und schließlich entlarven Gutachten der Stiftung Warentest oder des Deutschen Umweltbundesamtes die oft gehörte Behauptung, wiederverwertetes Papier sei für Kopierer und hochwertige Drucke nicht zu gebrauchen, als Märchen.
Freilich, Raincoast Books ist vorläufig der einzige von 55 Harry-Potter-Verlegern weltweit, der auf recyceltem und chlorfrei gebleichtem Papier druckt. Zwar sind insgesamt über 200 Titel beziehungsweise über zwei Millionen auf diese umweltschonende Art entstandene Bücher schon eine beeindruckende Menge, zwar vertrauen fünf kanadische Verleger bereits ganz darauf, 45 der führenden Autoren haben unterschrieben, dass sie nur noch Verleger unterstützen werden, die sich auch daran halten und doch ist das erst der Anfang.
Ein Umdenken bei Buch- und Zeitungsverlagen ist ein wesentlicher Schritt zum Schutz der Urwälder. Was es jetzt noch braucht, sind Leser und Käufer, die dieses Engagement auch honorieren. Wälder schützen durch Bücher lesen. Das ist im Übrigen gar nicht so weit hergeholt: Sprachforscher glauben, die Wörter "Buchstabe" und "Buch" leiten sich von der Buche ab weil die germanischen Schriftzeichen, die Runen, in Buchenholz geschnitzt wurden.
Quelle: Greenpeace
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